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Fibromyalgie und Small-Fiber-Neuropathie (SFN) sind jeweils eigenständige Diagnosen, die jedoch exklusiv, wie additiv auftreten und sich in ähnlichen Symptomen äußern können. Deshalb ist die differntialdiagnostische Abklärung therapeutisch essenziell.
Unterschied
Fibromyalgie
Nerv intakt
Verarbeitung verändert
Primär eine Störung der Schmerzverarbeitungkann verursachen:
- Brennen
- Kribbeln
- Dysästhesien
obwohl keine Nervenschädigung vorliegt.
Small-Fiber-Neuropathie
Nerv verändert
Verarbeitung kann zusätzlich verändert sein
Primär eine Störung der kleinen Nervenfasernkann verursachen:
- Schmerzen
- Fatigue
- Brain Fog
- Schlafstörungen
obwohl die Ursache primär peripher ist.
Differential-Diagnostik
Stufe 1 – Häufige und behandelbare Ursachen ausschließen
Vitamin B12-Mangel
Kann verursachen:
- Brennen der Füße
- Ameisenlaufen
- Gangunsicherheit
- Fatigue
- Konzentrationsstörungen
Nicht nur Serum-B12 bestimmen.
Sinnvoller:
- Holo-Transcobalamin
- Methylmalonsäure
Eisenmangel
Auch ohne Anämie.
Insbesondere bei:
- Unruhe
- Schlafstörungen
- Missempfindungen
- Restless-Legs-ähnlichen Beschwerden
Labor:
- Ferritin
- Transferrinsättigung
Vitamin B6
Wird oft vergessen. Sowohl Mangel als auch Überdosierung können Neuropathien verursachen, gerade bei Nahrungsergänzungen wichtig.
Diabetes / Prädiabetes
Eine der häufigsten Ursachen für SFN.
Nicht nur:
- Nüchternglukose
sondern:
- HbA1c
ggf.
- oraler Glukosetoleranztest
Schilddrüse
- TSH
- fT4
- ggf. fT3
Hypothyreose kann viele Fibromyalgie-ähnliche Symptome machen.
Stufe 2 – Small-Fiber-Neuropathie
Wenn die Basisdiagnostik unauffällig ist.
Hinweise
Typisch wären:
- Brennen in Ruhe
- Fußsohlen/Fersen betroffen
- Temperaturstörungen
- Herzrasen
- Schwitzen/Frieren
Diagnostik
Hautbiopsie
Goldstandard.
Messung:
- intraepidermale Nervenfaserdichte
QST
Prüfung von:
- Wärme
- Kälte
- Schmerzschwellen
Autonome Diagnostik
- HRV
- QSART
- Tilt-Test
Stufe 3 – Autoimmunität
Diese Gruppe wird häufig übersehen.
Sjögren-Syndrom
Einer der wichtigsten SFN-Auslöser.
Kann auftreten ohne:
- trockene Augen
- trockenen Mund
Typische Beschwerden:
- Neuropathie
- Fatigue
- autonome Symptome
Labor:
- ANA
- SSA/Ro
- SSB/La
Weitere Autoimmunität
Je nach Situation:
- ANA
- ENA
- ANCA
- Komplement
Stufe 4 – Dysautonomie
Bei vegetativen Symptome genauer beachten.
POTS
(orthostatisches Tachykardiesyndrom)
Typisch:
- Herzrasen
- Brain Fog
- Fatigue
- Schwindel
Diagnostik
Kipptischtest
Stufe 5 – Mastzellaktivierung (MCAS)
Das ist wissenschaftlich deutlich kontroverser als SFN, aber die Symptomüberlappung ist auffällig.
Typisch:
- Herzrasen
- Schwitzen
- Temperaturwechsel
- Brain Fog
- Schlafstörungen
- diffuse Schmerzen
Diagnostik
Schwierig, aber möglich:
- Tryptase
- N-Methylhistamin im Urin
- Prostaglandin-D2-Metaboliten
Normale Werte schließen es nicht sicher aus.
Stufe 6 – Fibromyalgie als Primärdiagnose
Die Frage ist:
Sind die neuropathischen Symptome Ausdruck einer zentralen Sensibilisierung?
Oder liegt zusätzlich eine SFN vor?
Spricht eher für Fibromyalgie
- generalisierte Druckschmerzhaftigkeit
- wechselnde Schmerzlokalisation
- starke Belastungsabhängigkeit
- unauffällige Neuropathiediagnostik
Spricht eher für SFN
- Brennen der Füße
- Beschwerden in Ruhe
- Temperaturdysregulation
- autonome Symptome
- objektivierbare Befunde in Hautbiopsie/QST
Stufe 7 – Seltenere Ursachen
Wenn die bisherigen Untersuchungen nichts zeigen.
Zöliakie
Kann SFN verursachen.
Labor:
- Transglutaminase-IgA
- Gesamt-IgA
Monoklonale Gammopathien
Labor:
- Serum-Elektrophorese
- Immunfixation
Lyme-Borreliose
Nur bei passender Vorgeschichte.
Nicht als unspezifisches Screening.
Kupfermangel
Kann neuropathische Beschwerden machen.
Labor:
- Kupfer
- Coeruloplasmin
Therapieansatz mit Phyto- und Myko-Wirkstoffen
Neben S3-leitlinienbasierter Therapeutika, wie Amitriptylin, Duloxetin (SNRI), Milnacipran und Pregabalin gibt es natürliche Wirkstoffe, die ähnliche Effekte aufweisen, allerdings OHNE die typischen unerwünschten Nebenwirkungen der Pharmatherapeutika).
Pregabalin
↓ Calciumkanäle
↓ Glutamat
↓ neuronale ErregbarkeitDuloxetin
↑ Serotonin
↑ Noradrenalin
↓
stärkere absteigende Schmerzhemmung
↓
weniger SchmerzverstärkungAmitriptylin
↑ Serotonin
↑ Noradrenalin
↓
stärkere absteigende Schmerzhemmung
↓
weniger Schmerzverstärkungzusätzlich:
↓ Histaminwirkung
↓
Sedierung
SchläfrigkeitDeshalb hilft es oft deutlich besser beim Einschlafen als Duloxetin.
zusätzlich – Muskarinische Acetylcholin-Rezeptoren:
↓ Acetylcholin
↓
Mundtrockenheit
Verstopfung
verschwommenes Sehenzusätzlich – Alpha-1-Rezeptoren:
↓ Sympathikusantwort
↓
Blutdruckabfall
SchwindelGabapentin
Gabapentin bindet nicht an GABA-Rezeptoren, obwohl der Name das vermuten lässt. Der Hauptangriffspunkt ist:
α2δ-Untereinheit
spannungsabhängiger CalciumkanäleDer Signalweg:
Gabapentin
↓
Bindung an α2δ
↓
weniger Calcium-Einstrom
↓
weniger NeurotransmitterfreisetzungHauptsächlich betroffene Neurotransmitter sind:
↓ Glutamat
↓ Substanz P
↓ CGRP
↓ NoradrenalinfreisetzungDaraus ergibt sich die Konsequenz:
↓ neuronale Übererregbarkeit
↓ zentrale Sensibilisierung
↓ neuropathische Schmerzsignaleoder, vereinfacht dargestellt:
Gabapentin
↓
α2δ-Calciumkanäle
↓
↓ Calcium
↓
↓ Glutamat
↓ Substanz P
↓
weniger SchmerzverstärkungPhyto- / Myco-Therapeutischer Ansatz
Nervenregeneration
(Neurotrophine und Regeneration)
HERICIUM – Hericium erinaceus – Erinacin A, Hericenone
↑ NGF (Nerve Growth Factor) / ↑ BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor)
Fördert Axonwachstum, Synapsenbildung, Regeneration und Zellüberleben sensorischher als auch autonomer Nervenfasern
Senkung der Neuro-Inflammation
(Entzündungs- und Stress-Achsen)
REISHI – Ganoderma lucidum – Ganodersäuren (Triterpene), β-Glucane, Sterole (Ergosterol)
↓ NF-κB (Nuclear Factor kappa B ist ein pleiotroper Transkriptionsfaktor, der Genexpression steuert)
↓ TNF-α (Tumornekrosefaktor-alpha) ist ein zentrales, proinflammatorisches Zytokin)
↓ IL-6 (proinflammatorisches Zytokin, früher Entzündungsmarker und Schlüsselfunktion im Übergang von angeborener zu erworbener Immunität, Mediator Mikrogliaaktivierung)
Senkung des Neuroimmun-Stressfaktors
(Endocannabinoid-/CB2-System)
Copaiba – β-CARYOPHYLLEN, α-Humulen, Germacren D, β-Bisabolen
↑ CB2-Aktivierung (Hemmung der Ausschüttung entzündungsfördernder Botenstoffe (Zytokine); Reduktion von Neuroinflammation und kognitiven Dysfunktionen)
↓ Mastzellen (Auslöser von allergischen Sofortreaktionen (Typ-I-Allergie), Reizdarmsyndrom, Schmerzregulation)
↓ Mikroglia (residente Immunzellen – Aktoren)
↓ Neuroinflammation (Senkung induziert durch Mikroglia))
Senkung der neuronalen Übererregung
(Neurotransmission)
LAVENDEL – Linalool – Linalylacetat – Terpinen-4-ol
↓ Glutamat (für synaptische Plastizität; Neurodegeneration, Übererregung der Neuronen -> Alzheimer, Morbus Parkinson oder Multipler Sklerose)
↓ Calcium-Einstrom (zentrale Sensibilisierung: kleiner Reiz wird auf dem Weg ins Gehirn verstärkt, potenziert sich also)
↓ neuronale Übererregung (Senkung des Calcium-Einstroms wirkt dem entgegen und normalisiert den Reizpegel)
Zusammenfassung
- Glutamat/NMDA/Calcium → Hypervigilanz, Schlaf, zentrale Sensibilisierung.
- NF-κB–IL-6–TNF-α → Neuroinflammation und Fibromyalgie-Komponente.
- CB2–Mikroglia–Mastzellen → Brennen, vegetative Dysregulation, neuroimmunologische Aktivierung.
- NGF/BDNF → mögliche Regeneration kleiner sensorischer und autonomer Nervenfasern.
Die vier Supplements arbeiten weitgehend auf verschiedenen biologischen Ebenen desselben Netzwerks und haben damit synergistische Effekte.
| Mechanismus | Lavendel | Reishi | Copaiba | Hericium |
|---|---|---|---|---|
| Glutamat-Modulation | ★★★ | – | – | – |
| Calciumkanäle | ★★★ | – | – | – |
| Sympathikusberuhigung | ★★★ | ★★ | ★ | – |
| NF-κB-Hemmung | – | ★★★ | ★★ | – |
| Mikroglia-Regulation | ★ | ★★ | ★★★ | – |
| Mastzellregulation | – | ★ | ★★★ | – |
| CB2-Aktivierung | – | – | ★★★ | – |
| NGF-Steigerung | – | – | – | ★★★ |
| BDNF-Steigerung | – | – | – | ★★★ |
| Nervenregeneration | – | – | ★ | ★★★ |
Studienlage – wissenschaftliche Sicht
Zentrale Sensibilisierung bei Fibromyalgie
Systematisches Review zu MRT- und fMRT-Befunden
Central sensitization in fibromyalgia? A systematic review on structural and functional brain MRI
Die Arbeit fasst MRT- und fMRT(Funktionelle Magnetresonanztomographie)-Studien zusammen und zeigt Veränderungen in Hirnregionen, die an Schmerzverarbeitung beteiligt sind:
- anteriorer cingulärer Cortex
- präfrontaler Cortex
- Insula
Diese Befunde stützen das Konzept der zentralen Sensibilisierung.
Small-Fiber-Veränderungen bei Fibromyalgie
Dies ist wahrscheinlich die spannendste Entwicklung der letzten Jahre.
Dalakas-Gruppe (Athens)
Reduction of Intraepidermal Nerve Fiber Density in the Skin Biopsies of Patients with Fibromyalgia
Eine kontrollierte Studie mit dem Ergebnis:
Etwa ein Drittel der Fibromyalgie-Patienten zeigte eine verminderte intraepidermale Nervenfaserdichte (IENFD), wie man sie auch bei Small-Fiber-Neuropathie sieht.
Würzburger Arbeitsgruppe um Sommer & Doppler
Reduced Dermal Nerve Fiber Diameter in Skin Biopsies of Patients with Fibromyalgia
Sehr wichtige Studie. Es wurden Hautbiopsien von:
- Fibromyalgie-Patienten
- Small-Fiber-Neuropathie-Patienten
- Gesunden Kontrollen
verglichen.
Die Autoren fanden Hinweise auf Small-Fiber-Pathologie bei Fibromyalgie, allerdings mit Unterschieden zur klassischen SFN.
Die Schlussfolgerung lautet sinngemäß:
Fibromyalgie und SFN können ähnliche Befunde zeigen, aber die zugrunde liegenden Mechanismen sind möglicherweise nicht identisch.
Autonome Small-Fiber-Beteiligung bei Fibromyalgie
Autonomic Small-Fiber Pathology in Patients With Fibromyalgia
Neuere Studie (2023).
Untersucht wurden:
- Schweißdrüsenfasern
- autonome Hautnerven
- intraepidermale Nervenfasern
Zusätzlich wurden autonome Symptome erfasst.
Die Studie unterstützt die Hypothese, dass bei einem Teil der Fibromyalgie-Patienten nicht nur sensorische, sondern auch autonome Small Fibers betroffen sein könnten.
Das ist besonders interessant bei:
- Herzrasen
- Schwitzen
- Temperaturdysregulation
- Brain Fog
- orthostatischen Beschwerden
Small-Fiber-Neuropathie – Diagnostischer Goldstandard
Small Fiber Neuropathy: Is Skin Biopsy the Holy Grail?
Übersichtsarbeit zur diagnostischen Bedeutung der Hautbiopsie.
Beschreibt:
- IENFD
- diagnostische Stärken
- Limitationen
und warum klassische Nervenleitmessungen oft normal bleiben.
Skin Biopsy for Diagnosis of Small Fiber Neuropathy
Kritische Bewertung der diagnostischen Genauigkeit.
Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Messung der intraepidermalen Nervenfaserdichte eine hohe diagnostische Aussagekraft besitzt.
Skin Biopsy as a Diagnostic Tool
Übersicht von Claudia Sommer, einer der international bekanntesten Forscherinnen auf dem Gebiet der SFN.
Fokus:
- diagnostische Wertigkeit
- Sensitivität
- Ursachenabklärung
- klinische Einordnung der Hautbiopsie.
Das aktuelle wissenschaftliche Gesamtbild
Die Literatur der letzten Jahre zeichnet ungefähr folgendes Modell:
Gruppe A
Fibromyalgie
ohne nachweisbare SFN
→ zentrale Sensibilisierung dominiertGruppe B
Fibromyalgie
+
nachweisbare Small-Fiber-Pathologie
→ MischbildGruppe C
primäre Small-Fiber-Neuropathie
→ periphere Nervenpathologie dominiert